Ich mag keine Sinnsprüche: Ich poste keine Sprüche oder Zitate – weder hier noch in den sozialen Medien. Ich like keine Sinnsprüche, ich teile und verbreite sie nicht; ich erstelle auch keine eigenen. – So eine eindeutig ablehnende Haltung kommt selten bei mir vor. Doch im Zusammenhang mit Sinnsprüchen scheint sie mir angebracht, denn sie führen meines Erachtens auf falsche Fährten.

Sinnsprüche boomen

Mit meiner Einstellung bewege ich mich eindeutig außerhalb des Mainstreams.

  • Zum einen werden Sprüche und Zitate von allen möglichen Menschen verbreitet – von selbsternannten VIPs, von Gurus, von Coaches, von Menschen wie Sie und ich. Mir scheint, in der heutigen Zeit hat irgendwie jeder und jede sogleich das Bedürfnis, etwas „Wichtiges“ zu melden und weiterzugeben, sobald er oder sie auch nur eine klitzekleine Erkenntnis hat.
  • Und zweitens gibt es einen regelrechten Run auf diese Sinnsprüche: Sie werden in Massen geliked und verbreitet. Dabei ertönt Zuspruch aus allen Ecken : Oh, wie schön! – Wie gut! – Ja, so ist es!

shutterstock_237764383© Nejron Photo

Ich finde beides unpassend und bewerte sie ähnlich wie die boomende Esoterik, über die neulich meine geschätzte Kollegin Petra Buhl in einem Blogartikel geschrieben hat: „Es werden scheinbar unumstößliche Wahrheiten und einfache Antworten gegeben.“

Einwände oder Korrekturen, Perspektivenwechsel oder Gegenüberstellen von verschiedenen Ansichten kommen beim Verbreiten dieser Sprüche nicht vor.

Menschen brauchen Orientierung

Jeder von uns braucht und sucht Orientierung. Und wenn in früheren Zeiten Vieles klar geregelt war, so sind die Fixpunkte heutzutage nur noch schwach erkennbar: Kaum Normen und Konventionen, dafür hohe Komplexität, Globalisierung, viele Entscheidungsmöglichkeiten und Alternativentwicklungen. Dies verunsichert viele; sie fühlen sich oft orientierungslos und suchen nach einem Kompass, um einen für sie richtigen Weg zu finden.
Und hier kommen Sinnsprüche wie gerufen, erscheinen wie ideale Begleiter. Oder wie Rettungsringe, an die man sich klammert, um nicht unterzugehen. Denn sie geben vermeintlich Ratschläge für das rechte Verhalten, für die Lebenspraxis, für Veränderungen und Entwicklungen.

Weshalb sind Sprüche nutzlos?

    • Sie sind oft eindimensional platt, haben selten Tiefe, Breite und Länge zugleich – also eine Dreidimensionalität.
    • Sie vereinfachen und verallgemeinern die Lebenssituationen.
    • Sie werden auf alle Lebensbereiche übertragen; der eigentliche Kontext, aus dem sie stammen, ist nicht relevant.
    • Sie tragen zum „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ und zur „Selbstoptimierung“ und damit zu einem gesteigerten persönlichen Druck bei.
    • Und vor allem: Sie sind nicht aus dem eigenen Selbst entstanden und helfen nicht über Blockaden und Krisen auf dem persönlichen und beruflichen Lebensweg.

Das Leben ist widersprüchlich

Das Leben besteht aus Gegensätzen, ist widersprüchlich und spannungsvoll! Denn es lebt von Interaktionen, von Wechselwirkungen und Abhängigkeiten. Unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven treffen aufeinander. Deshalb kann es kein einfaches Wenn-Dann-Schema, kein Richtig ODER Falsch, kein Schwarz ODER Weiß, kein Entweder-Oder geben.
Zwar hätten wir oft gerne ein einfaches, lineares Leben, möchten eindeutig wissen, wie wir uns entscheiden und verhalten sollen. Und vor allem möchten wir den wahrgenommenen, unangenehmen, inneren Spannungen ausweichen!

Im Buch „Kommunikation als Lebenskunst“ von Pörksen und Schulz von Thun habe ich neulich gelesen (Seite 116): „Und das eigene Leben gelingt […] in dem Maße, in dem es möglich wird, diese Spannungen auszuhalten, Balancen zu finden und die Gegensätze zu integrieren.“

Balancen finden… Gegensätze verbinden und integrieren…Dies wird nicht zu einer statischen Balance führen, bei der ein für alle Mal alles klar ist, – sondern zu einer dynamischen: Das Bemühen um ein Austarieren zwischen allen Polen wird bleiben.

Und was passiert bei den Sinnsprüchen? Was bewirken diese? Sie blenden Gegensätzliches aus, nehmen Spannungen raus und gaukeln vor, alles sei einfach.

Werte- und Entwicklungsquadrat für den eigenen Weg

Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun

Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun

Um den Widersprüchlichkeiten und den Spannungen – die zum Beispiel beim eigenen Führungsverhalten auftreten – auf die Spur zu kommen, reichen Sinnsprüche und Zitate eindeutig nicht aus!
Sinnvoller ist es, sich an realen Situationen, an den eigenen Einstellungen und Werten, an Reakionen des Umfelds zu orientieren, um Erkenntnisse zu gewinnen und den eigenen Weg abzuleiten.

In meinem Coaching setze ich deshalb mit großer Überzeugung das Werte- und Entwicklungsquadrat Schulz von Thun ein.
Diese quadratische Skizze ist eine hilfreiche Methode, um gegensätzliche Strebungen und das „Zuviel-des Guten“ – die Übertreibungen – bei Motiven, Werten, Qualitäten, Verhaltensweisen u.Ä.m. sichtbar werden zu lassen. Sie zeigt Lern- und Entwicklungsrichtungen auf und verdeutlicht die Spannungen, die es auszuhalten gilt.

Diese gewonnenen Einsichten sind ganz individuelle Orientierungspunkte, haben Hand und Fuß und sind nachhaltig für den persönlichen und beruflichen Weg. Nicht wie Sinnsprüche, die nach Lust und Laune einfach ausgewechselt werden…

Spannungen aushalten mit Ambiguitätstoleranz

Um die Spannungen auszuhalten, die entstehen, wenn Gegensätzliches zugelassen wird, dazu wird Ambiguitätstoleranz benötigt – eine wichtige Selbstkompetenz: Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten und Widersprüche in Situationen und Handlungsweisen zu ertragen, ohne sogleich Lösungen herbeiführen zu müssen.

Wie Ambiguitätstoleranz geübt werden kann und welche Funktion und Bedeutung diese Kompetenz insbesondere für Führungskräfte hat, dies habe ich in einem Blogartikel im Juni 2014 ausführlich beschrieben: „Führungsnachwuchskraft: Weshalb sollten Sie Ambiguitätstoleranz entwickeln?

Übrigens gibt es noch etwas, was ich als genauso nutzlos erachte. Es sind Umsetzungsappelle und Motivationssprüche – wie zum Beispiel: Tu es einfach! – Mach es! – Leg los!
Diese Sätze taugen meines Erachtens ebenfalls nicht viel und tragen nicht dazu bei, Veränderungen langfristig umzusetzen. Aber dies ist ein neues Kapitel und vielleicht das Thema eines späteren Blogartikels…
 
Ihnen und mir wünsche ich weiterhin eine erkenntnisreiche Zeit!
 
Und nun sind Sie dran!

    Berichten Sie von Ihren Erfahrungen und schreiben Sie hier unten einen Kommentar.
    Teilen Sie diesen Artikel in den sozialen Medien und mit Ihren Freunden.
    Tragen Sie sich für den kostenlosen Newsletter ein.
    Und last but not least: Empfehlen Sie mich weiter, wenn Sie überzeugt sind.

Herzlichen Dank!
 
 

Barbara Simonsen

Barbara Simonsen, MBA, ist Inhaberin von Simonsen Management mit den Schwerpunkten Führung und Karriere.
Sie unterstützt Führungskräfte, rasch handlungsfähig zu werden - insbesondere auf neuen Führungspositionen - und schwierige Führungssituation kompetent und fair zu meistern.
Zudem hilft sie als Karriereexpertin, den Karriereweg bzw. den Übergang des Karriereausstiegs stimmig zu gestalten.
Unternehmen steht sie als Moderatorin für Business-Großgruppen zur Seite - z.B. bei Changeprozessen oder zur Konfliktlösung.
Als Autorin hat sie „Die ersten 100 Tage als Führungskraft“ im managerSeminare Verlag als Blended Learning-Trainingskonzept veröffentlicht.