Vielen Menschen graut vor dem Ruhestand. Sie befürchten, in ein schwarzes Loch zu fallen, haben Angst vor innerer Leere, dem Nicht-mehr-gebraucht-Werden und vor Sinnlosigkeit.

Die Bedenken sind nicht unberechtigt, besonders dann, wenn das bisherige Berufsleben das Alltagsleben völlig dominiert – was häufig bei Managern vorkommt: wenig Familienleben, kaum Freizeitaktivitäten.
Und wenn die spärliche Freizeit zudem von statusbedingten Zwängen bestimmt wird (z.B. die Wahl der Sportart bzw. die Kontaktpflege) oder wenn das Selbstverständnis darin besteht, das Unternehmen persönlich zu verkörpern, dann ist die Umstellung umso schwieriger:

Es fehlen die Erfahrungen, wie ein glückliches Leben gelingen kann, in dem Beruf und Firma nicht mehr im Mittelpunkt stehen.

Ängste, Hilflosigkeit, Depression – und nicht selten auch Suizid – sind die Folge.

Empty-Desk-Syndrom

Ruhestand späte Freiheit

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Das Empty-Desk-Syndrom bezeichnet deshalb ein Phänomen mit vielfältigen psychosomatischen Beschwerden, das insbesondere bei Managern auftritt, wenn sie offiziell das vollzeittätige Karriereleben beenden und in den sogenannten Ruhestand wechseln.

Das Berufsleben, die Position, die Rolle, auch das Verhalten des Umfelds haben wichtige Funktionen für die Manager: Sie erwerben Status, Macht, Anerkennung, hohes Einkommen. Damit werden grundlegende Bedürfnisse der Führungskräfte befriedigt.

Nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben können diese Bedürfnisse jedoch nicht mehr gedeckt werden. Somit kann auch das bisherige Selbstwertgefühl – zumindest vorübergehend – nicht aufrechterhalten werden.

Und die Identität, die durch die Führungsrolle geprägt worden ist, passt nach dem Wechsel in den neuen, dritten Lebensabschnitt auch nicht mehr. Wer ist man, wenn nicht mehr Führungskraft, scheint die große Frage zu sein.

Der Wechsel in den Ruhestand wird deshalb von Managern oft als Verlustereignis empfunden, das zu Beginn als fast unüberwindbar erscheint. Und als ob Manager ahnen, wie schwierig der Rollenwechsel sein wird: Sie vermeiden gerne bis direkt vor dem Berufsausstieg, sich mit dem neuen Zeitabschnitt zu beschäftigen…

Übrigens: Als ähnlich einschneidendes Lebensereignis wird von Müttern die Situation wahrgenommen, wenn ihre Kinder das häusliche Nest verlassen, weshalb dieses Phänomen als Empty-Nest-Syndrom bezeichnet wird. Auch in diesem Zusammenhang können starke Selbstzweifel und Zukunftsängste auftreten.

Fünf Tipps, wie Sie das Empty-Desk-Syndrom vermeiden oder vermindern

Grundsätzlich geht es um einen Anpassungsprozess an ein Leben im Ruhestand:
Der Verlust der Berufsidentität muss verarbeitet werden und sich eine neue, nachberufliche Identität entwickeln.

Das Ziel ist, trotz des Verlustes des Karrierelebens seelisch und körperlich gesund zu bleiben und Wohlbefinden zu erlangen.

Dieser Anpassungsprozess benötigt Zeit, Wille, Reflexion, Planung und Umsetzungskraft:

    1) Als Manager oder Führungskraft sollten Sie nicht warten, bis Sie in den Ruhestand versetzt werden. Sie fühlen sich wesentlich zufriedener, wenn Sie den Zeitpunkt des Ausscheidens selber bestimmen und frühzeitig mit der Planung beginnen. Fragen Sie sich zudem: Gibt es ggf. für Ihre Position die Möglichkeit eines gleitenden Übergangs in den Ruhestand, mit schrittweise reduzierter Arbeitszeit? Wann passt der Stabwechsel an einen Nachfolger? Und: Wie wünschen Sie sich die Würdigung Ihrer Karriere und den Abschied?
    Sollte doch von außen ein Enddatum festgelegt sein (Vertrag läuft aus, Kündigung, interne Ruhestandsgrenze), dann versuchen Sie, falls es Ihnen gelingt, dieses Ende – trotz möglicher Verärgerung oder eventuellen Bedauerns – zu Ihrem eigenen, „freiwilligen“ Datum zu machen.

    2) Die letzten Berufsjahre sollten Sie gut planen und aktiv gestalten: Welche Ziele und Ergebnisse möchten Sie noch erreichen? Wie viel Engagement wollen Sie einbringen? Geht es eventuell darum, sich langsam zurückzuziehen? Wie ist es mit dem Aufbau eines Nachfolgers?
    Zudem wäre es sinnvoll, Sie könnten schon während der letzten Berufsjahre verstärkt ein außerberufliches Engagement, z.B. ein Ehrenamt, aufnehmen, neue Aufgaben übernehmen, neue Rollen ausprobieren.

    3) Nicht nur beim Übergang in den Ruhestand sollten Sie für Ihre körperliche Gesundheit sorgen, sondern auch während der letzten Berufsjahre und im Ruhestand selbst sollten Zeiten für Fitness und Entspannung im Tages- und Wochenverlauf eingeplant werden.

    4) Auf den Austausch mit Freunden, mit Kollegen, die schon im Ruhestand sind, mit Partner und Familienangehörigen sollten Sie ganz besonders viel Wert legen. Vielleicht dienen sie Ihnen als Vorbild für den großen Schritt in den unbekannten Lebensabschnitt. Von diesen Menschen erhalten Sie oft viel Inspiration und Unterstützung. Sie helfen Ihnen dabei, neue Orientierungspunkte für den dritten Lebensabschnitt herauszukristallisieren und neue Einsichten zu gewinnen.

    5) Zur Prävention des Empty-Desk-Syndroms ist es zudem wichtig, sich vor Eintritt in den Ruhestand bewusst zu machen, welchen Stellenwert die Arbeit und die Position für einen persönlich haben. Wie bestimmen diese das eigene Leben? Welche Bedürfnisse werden damit befriedigt? Wodurch gewinnen Sie nach dem Ausstieg aus dem Karriereleben Abstand zum Berufsleben? Vielleicht durch eine längere Wanderung, eine Segelreise, ein Retreat? Was kommt danach? Was ist Ihnen wichtig für Ihr Leben? Welche Ziele und Aufgabenfelder stimmen für Sie im neuen Lebensabschnitt?

Für Ihr Wohlbefinden in der dritten Lebensphase ist es sehr förderlich, weiterhin mit vielfältigen Aktivitäten auf hohem Niveau aktiv zu bleiben.

Sie haben verschiedene Möglichkeiten:

    • Sie können beruflich in einem Teilzeit-Umfang weiterfahren (z.B. als angestellter oder selbständiger Berater, Mentor).
    • Sie können an Ihre Kompetenzen anknüpfen (z.B. als Dozent, als selbständiger Unternehmer oder Aufsichtsrat).
    • Sie können sich von allem Beruflichen befreien und sich ganz auf Ihr Privatleben konzentrieren.

Finden Sie einen Mix im Wochenverlauf zwischen Routinen und gänzlich neuen Erfahrungen, zwischen beruflichem Engagement und freier Zeit:

      Aktivitäten im Umfang von ein, zwei bis maximal drei Tagen, bezahlt oder unbezahlt, in Unternehmen, Organisationen oder Zivilgesellschaft
      Träume, Wünsche, Ziele verwirklichen durch freie Zeit für Bildung, Kultur, Freizeit, Sport und vor allem für Familie und Freunde.

Es ist eine kluge Bewältigungsstrategie, sich durch eine gewisse Kontinuität des beruflichen Engagements an die neue Lebenssituation anzupassen: in anderen Rollen – ohne Rollenzwang, in neuen Aufgabenfeldern – ohne Erfolgsdruck und in einem begrenzten Zeitkontingent.
Dadurch ist es möglich, wichtige Funktionen der Bedürfniserfüllung der früheren Erwerbsarbeit auf die neuen Tätigkeiten zu übertragen oder diese anpassen.
Dies führt zu persönlicher Stabilität und Zufriedenheit – im Gegensatz zum Empty-Desk Syndrom.

Gleichzeitig sollten Sie nicht die Chance verpassen, sich völlig Neuem zuzuwenden und bisher unbekannte Eigenschaften, Fähigkeiten und Interessen zu entdecken.
Ruhestand bedeutet: Späte Freiheit
 
 
Literaturempfehlungen

    Quadbeck, Otto, Roth Wolfgang (2008), Das “Empty-Desk-Syndrom” – Die Leere nach der Pensionierung: Wie Führungskräfte nach Beendigung der Erwerbsarbeit ihre psychischen Probleme bewältigen, Pabst Science Publishers, Lengerich

 
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Barbara Simonsen

Barbara Simonsen, MBA, ist Inhaberin von Simonsen Management mit den Schwerpunkten Führung und Karriere.
Sie unterstützt Führungskräfte, kompetent und souverän in der Führungsrolle zu handeln.
Als Karriereexpertin hilft sie, den Karriereweg bis hin zum Übergang in den Ruhestand stimmig zu gestalten.
Unternehmen steht sie als Moderatorin für Großgruppen zur Seite.
Als Autorin hat sie das Trainingskonzept „Die ersten 100 Tage als Führungskraft“ im managerSeminare Verlagveröffentlicht.