Vor Kurzem habe ich an der Hochschule, an der ich Lehrveranstaltungen gebe, Prüfungen von Bachelorstudierenden abgenommen. Es tat mir in der Seele weh: Die Bewertungen der Prüfungsleistungen ergaben durchwegs ein „Mangelhaft“ oder gerade mal „Ausreichend“. Nicht nur die Studierenden haben unter der schlechten Notengebung gelitten, ich auch!

Woran hat es denn gemangelt? Unter anderem an der nicht erkennbaren Reflexionsfähigkeit – sowohl in den schriftlichen Arbeiten wie in den mündlichen Gesprächen.
Und dies ist genau dieselbe Fähigkeit, die auch Führungskräfte so dringend benötigen, damit sie den Führungsalltag kompetent meistern können: Reflektionsfähigkeit gilt als Schlüsselkompetenz im erfolgreichen Umgang mit Führungsaufgaben.

Deshalb möchte ich in diesem Blogartikel über die Bedeutung und Wirkung von Reflexion schreiben und Ihnen Anregungen geben, wie Sie Ihre Reflexionsfähigkeit entfalten können.

Was heißt Reflexion?

Während in der Physik unter Reflexion das Zurückwerfen von Strahlen oder Wellen verstanden wird, ist in der Psychologie und Pädagogik mit Reflexion ein Nachdenken, eine prüfende Betrachtung auf einer Metaebene – also aus der Distanz – gemeint.

Welche Bedeutung hat Reflexion für einen Lernprozess?

Ohne Reflexion finden keine Lernprozesse statt! Insbesondere das Lernen, das sich an Erfahrungen orientiert – also nicht am bloßen Anhäufen von Wissen, benötigt Reflexionsmöglichkeiten. Daraus entstehen Handlungskompetenzen, die Sie als Führungskraft in den ersten 100 Tage auf einer neuen Position dringend brauchen, damit Sie erfolgreich sind.
Aber nicht nur dann! Auch in der nachfolgenden Zeit sollte der Lernprozess nicht abgebrochen werden, sondern in Schwung bleiben. Die Reflexion Ihrer gemachten Erfahrungen hilft Ihnen dabei!

Erfahrungsorientierter Lernprozess für Führungskräfte

eigene Darstellung in Anlehnung an zyklisches Lernmodell nach Kolb (1974)

Wie können Führungskräfte das Reflektieren lernen?

  • In einem ersten Schritt geht es darum, innezuhalten und über konkrete Erfahrungen, die in Führungssituationen gemacht worden sind, nachzudenken – alleine und noch effektiver in einer unterstützenden Gruppe oder mit einem Sparringspartner.
  • Gehen Sie gedanklich konkrete Führungssituationen noch einmal durch. Stellen Sie sich folgende Leitfragen: Was war mein Ziel? Habe ich dieses erreicht? Wie habe ich es erreicht? Wie war mein Verhalten? Wie hat sich dieses auf den Verlauf ausgewirkt? Wie hat es die anderen Akteure bzw. Stakeholder beeinflusst?
  • Überlegen Sie sich anschließend, wie Sie durch Veränderung Ihres Handelns das Ergebnis verändern: Was ist bei der nächsten ähnlichen Situation zu beachten? Welche Faktoren? Rahmenbedingungen? Wie werden Sie sich verhalten? Wie handeln? Wen wollen Sie um Unterstützung bitten?
  • Schätzen Sie im Laufe Ihrer Führungstätigkeit immer besser ein, was sich als wirksame Führung bewährt und was nicht. Ziehen Sie Rückschlüsse aus Ihren Überlegungen und erproben Sie Neues! Holen Sie sich Anregungen von erfolgreichen Führungspersonen und werden Sie immer besser.
  • Halten Sie Ihre Gedanken schriftlich fest und führen Sie – wenn möglich – ein Tage- oder Wochenbuch.
  • Wie bei jeder Tätigkeit, kann es ein ZUVIEL des Guten geben (siehe Prinzip des Wertequadrates nach Schulz von Thun). So auch hier: Ein Zuviel an Reflexion könnte zu einem Verlust an Leichtigkeit und Spontaneität führen. Deshalb gilt auch hier, die Reflexionsintensität und ihre Auswirkungen gut zu beobachten und ggf. zu verändern.

Welche positive Wirkung hat Reflexionsfähigkeit?

Meine Wahrnehmung aus langjähriger Führungs- und Beratungstätigkeit ist: Das Führungshandeln wird aufgrund der Reflexionsfähigkeit erheblich verbessert. Und dieses kompetente Handeln trägt wesentlich zur eigenen Zufriedenheit bei, weil es ein Gefühl von Sicherheit und Souveränität vermittelt. Dafür lohnt es sich!

Nochmals zum Ausgang zurück: Weshalb ist Reflexionsfähigkeit bei Studierenden wichtig?

Weil das Studium dazu befähigen soll, theoretische Lerninhalte mit eigenen Erfahrungen abzugleichen und sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Erst durch reflektiertes Denken und Hinterfragen werden Erkenntnisse ganz persönlich angeeignet.
Und noch ein wichtiges Kriterium: Im Studium wird ein zentraler Baustein für zukünftiges Lernen gelegt – für den Lernprozess als Führungskraft.

Deshalb habe ich mir vorgenommen:
Ich werde im neu startenden Semester den Fokus meiner eigenen Lehrveranstaltungen (konkrete Praxisprojekte mit Projektmanagement und Change Management initiieren und steuern) ganz besonders auf den reflektierten Lernprozess richten.

Das ist es, was ich für mich selbst als Erkenntnis aus meiner Tätigkeit der letzten beiden Semester ziehe und beim nächsten Mal besser mache!

Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht? Ich freue mich, wenn Sie diese mit uns teilen!

 
Und nun sind Sie dran!

    Berichten Sie von Ihren Erfahrungen und schreiben Sie hier unten einen Kommentar.
    Teilen Sie diesen Artikel in den sozialen Medien und mit Ihren Freunden.
    Tragen Sie sich für den kostenlosen Newsletter ein.
    Und last but not least: Empfehlen Sie mich weiter, wenn Sie überzeugt sind.

Herzlichen Dank!
 
 

Barbara Simonsen

Barbara Simonsen, MBA, ist Inhaberin von Simonsen Management mit den Schwerpunkten Führung und Karriere.
Sie unterstützt Führungskräfte, rasch handlungsfähig zu werden - insbesondere auf neuen Führungspositionen - und schwierige Führungssituation kompetent und fair zu meistern.
Zudem hilft sie als Karriereexpertin, den Karriereweg bzw. den Übergang des Karriereausstiegs stimmig zu gestalten.
Unternehmen steht sie als Moderatorin für Business-Großgruppen zur Seite - z.B. bei Changeprozessen oder zur Konfliktlösung.
Als Autorin hat sie „Die ersten 100 Tage als Führungskraft“ im managerSeminare Verlag als Blended Learning-Trainingskonzept veröffentlicht.