Ich erinnere mich sehr gut an viele der Dutzenden von Bewerbungsgesprächen, die ich im Laufe meiner Führungstätigkeit geleitet habe. Und wer mich kennt, weiß, dass ich diese stets partnerschaftlich und fair geführt habe. Trotzdem kann man nicht sagen, die Gespräche seien auf Augenhöhe gewesen. Das wäre ein falscher Begriff für das Ergebnis einer Stellenbesetzung. Denn schlussendlich hatte ich die Funktion der Entscheiderin. Ich konnte jedoch dafür sorgen, dass der Gesprächsverlauf selbst wertschätzend stattfand.

Als diejenige, die Stellen besetzen konnte, hatte ich den Vorteil, aus einer großen Zahl fachlich bestgeeigneter Kandidaten auswählen zu können. Wer war aber wirklich geeignet? Klarheit darüber entstand erst im Vorstellungsgespräch: Die Persönlichkeit war ausschlaggebend, aber nicht diejenige, die sich in Schlagfertigkeit zeigte – sondern mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion und zur Kommunikation: Die neuen Mitarbeitenden sollten mit anderen Menschen im Team und im Austausch mit Patienten beziehungsweise Kunden zusammenarbeiten.

Die Fähigkeit, die dafür benötigt wird, ist die Kompetenz, sich selbst im Umgang mit anderen hinterfragen zu können: die Kompetenz der Selbstreflexion.

Was hat mich in Vorstellungsgesprächen bei Bewerbern am meisten überzeugt?

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    Am meisten beeindruckt hat mich jeweils,

    • …wenn ich die gezielte Vorbereitung auf das Gespräch erkennen konnte: Der Kandidat hatte sich sehr gut über die Stelle informiert, wusste Bescheid über das Unternehmen und kannte die aktuellen beruflichen Herausforderungen.
    • …wenn ich persönliche Antworten erhielt, also keine Standardantworten. Diese Antworten mussten nicht geschliffen formuliert sein, sondern individuell zur Person und ihrem Lebenslauf passend.
    • …wenn ich die Energie und Motivation des Bewerbers spüren konnte. Diese musste nicht frisch und fröhlich sein sondern nachvollziehbar für die jeweilige persönliche Situation.
    • … wenn ich den Eindruck bekam, der Kandidat suche den Kontakt und Austausch mit uns am Tisch: freundlich und sachlich den Ball von uns aufnehmend, um dann geschickt die Aufmerksamkeit auf die eigenen Belange zu lenken.

    Was mich nicht beeindruckt hat, war…

    • … ein Bewerbertypus, der vor Selbstbewusstsein nur so strotzte und nicht bereit war, etwas von sich oder seiner Arbeit zu hinterfragen.
    • … eine Form von Selbstbehauptung, die immer auch eine Spur von Aggressivität beinhaltet – im Sinne von: „Ich muss gegenhalten, denn sonst komme ich hier unter die Räder.“
    • … platt wirkendes Selbstmarketing: Ich bin gut und ich kann es.

Vor einer Woche erfuhr ich von einer Stellenbesetzung einer Juristin, die sich in einer Behörde beworben hatte: Sie hat eine Zusage erhalten, nicht weil sie die juristischen Aufgaben perfekt gelöst hatte, sondern weil sie reflektiert auf den Fehlereinwand reagiert hatte. Der Arbeitgeber sah darin ihre Fähigkeit, mit anderen Menschen zusammenarbeiten zu können.

Worauf sollten Sie achten?

    Vorstellungsgespräche, die auf Augenhöhe stattfinden, können Sie als Stellensuchender nicht immer erwarten. Aber Respekt und Achtung Ihnen gegenüber schon. Seien Sie trotzdem auf asymmetrisch verlaufende Gespräche vorbereitet und überlegen Sie im Voraus, wie Sie strategisch damit umgehen.

    Als Bittsteller sollten Sie nicht auftreten, aber möglicherweise sind Sie – zum Beispiel nach einer Kündigung – auf die Stelle angewiesen, mindestens übergangsweise. Deshalb überlegen Sie sich – je nach Ihrer Priorität – ein taktisch kluges Vorgehen und Verhalten, ohne dass Sie Ihre Selbstachtung aufgeben.

    Die Kompetenz der Selbstreflexion ist meines Erachtens die bedeutendste und wirkungsvollste, wenn es um die Zusammenarbeit von Menschen geht. Bringen Sie diese zum Ausdruck durch Ihre Antworten und durch Ihre Nachfragen, die zeigen, dass Sie viel wissen und können – aber auch bereit sind, dazuzulernen.

Übrigens, so habe ich meine Führungspositionen erhalten:

Immer bestens vorbereitet durch eine umfassende Umfeld-, Unternehmens- und Stellenanalyse. (Ein Vorstand zu mir: Wir haben noch nie jemanden getroffen, der für das Vorstellungsgespräch so gut vorbereitet war wie Sie.) Diese Informationen und das Wissen habe ich jeweils als MindMap auf einer Flipchart dargestellt und kurz erläutert. Nie verlief ein Gespräch reibungslos und immer hatte ich den Eindruck, meine Antworten seien nicht optimal. Das war jedoch nicht der springende Punkt.
Viel wichtiger für die Stellenzusage war meine Zugewandtheit: den Menschen und den Aufgaben gegenüber – freundlich, neugierig, achtsam und reflektiert.

Ich hoffe, ich konnte Sie mit diesem Bericht ermutigen, in Bewerbungsgesprächen Ihren eigenen Stil zu zeigen – immer vor dem Hintergrund Ihrer Reflexionsfähigkeit. Und ich bin überzeugt: In Zukunft wird diese personale Kompetenz vor allem bei Führungskräften noch stärker nachgefragt sein.
 
Und nun sind Sie dran!

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Herzlichen Dank!
 
 

Barbara Simonsen

Barbara Simonsen, MBA, ist Inhaberin von Simonsen Management mit den Schwerpunkten Führung und Karriere.
Sie unterstützt Führungskräfte, rasch handlungsfähig zu werden - insbesondere auf neuen Führungspositionen - und schwierige Führungssituation kompetent und fair zu meistern.
Zudem hilft sie als Karriereexpertin, den Karriereweg bzw. den Übergang des Karriereausstiegs stimmig zu gestalten.
Unternehmen steht sie als Moderatorin für Business-Großgruppen zur Seite - z.B. bei Changeprozessen oder zur Konfliktlösung.
Als Autorin hat sie „Die ersten 100 Tage als Führungskraft“ im managerSeminare Verlag als Blended Learning-Trainingskonzept veröffentlicht.